Theater

Messer in der Kehle

Wajdi Mouawads „Verbrennungen“ vielsprachig von Burkhard C. Kosminski inszeniert am Schauspiel Stuttgart

 

Für sein Stück „Vögel“ und dessen deutsche Erstaufführung am Schauspiel Stuttgart hat der libanesische Autor Wajdi Mouawad 2020 den europäischen Dramatikerpreis erhalten. Wie in diesem Drama über Gewalt, individuelle Schicksale und familiäre Konflikte erzählt Mouawad in „Verbrennungen“ von den menschlichen Katastrophen auf dem Hintergrund kriegerischer Auseinandersetzungen, doch das früher entstandene Stück fasst die wie in einer antiken Tragödie sich zuspitzenden Konflikte viel radikaler: Nawal, die Hauptfigur und Mutter dreier Kinder, ist seit langem verstummt: „die Frau, die singt“ schweigt die letzten fünf Jahre bis zu ihrem Tod. In ihrem Testament verpflichtet sie ihre Zwillinge Johanna und Simon dazu, ihren Vater und Bruder zu finden, von deren Existenz sie bisher nichts wissen, und ihnen einen Brief ihrer Mutter zu übergeben. Am Ende des komplex strukturierten Dramas wartet eine ungeheuerliche Wahrheit. 

 

Wieder führt der Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski die Regie, wieder hat Florian Etti ihm eine Bühne aus weißen Stoffbahnen gebaut, auf denen häufig deutsche Übersetzungen eingeblendet werden. Denn im Stück wird je nach Biografie auch Hebräisch, Arabisch und Englisch gesprochen. Die israelisch-weißrussische Schauspielerin Evgenia Dodina spielt Nawal, die als 15jährige von einem Jungen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager schwanger, der ihr Kind nach der Geburt weggenommen wird, während dessen Suche sie in den libanesischen Bürgerkrieg der 1980er Jahre verwickelt wird und das sie als Terrorist und Vergewaltiger wiederfindet. Der Syrer Noah Baraa Meskina ist jener Wahab, mit dem sie ein kurzes Glück in ihrer Jugend erleben darf, die in Haifa geborene Salwa Nakkara ist Nawals Freundin Sawda, mit der sie sich auf die Suche nach Nihad macht. Auch Lilian Barreto, die als Schauspielerin viel an Theatern in Tel Aviv gearbeitet hat, ist in verschiedenen Rollen im Stück präsent. Vor allem die eindrucksvollen Monologe dieser Figuren in ihrer Sprache erfordern vom Zuschauer, der zugleich die Textprojektionen lesen muss, höchste Konzentration, doch zugleich sind sie als stilistisches Element einer antiken Teichoskopie – des Botenberichts über entsetzliches Unheil – von Katharsis-Wirkung. Wajdi Mouawad schreibt zu seinem Stück: „Im Theater begegnet sich das, was verbrennt, und das, was wieder zusammengesetzt wird. Dadurch ist es möglich, dass im Theater die Schauspieler zu Milizionären werden und die Worte, die Sätze, die Entgegnungen zu Kalaschnikows. Es ist mir natürlich klar, dass man Theater, im Gegensatz zu Waffen, nicht auseinandernehmen kann, um es zu reinigen. Vielmehr nimmt Theater uns auseinander, um uns zu reinigen.“

 

Filmschnittartig hat Mouawad sein Drama-Puzzle zusammengesetzt. Johanna (sehr differenziert: Paula Skorupa) und Simon (übertrieben aufbrausend: Elias Krischke) erhalten vom Notar (Matthias Leja) den Auftrag der verstorbenen Mutter, und die Tochter folgt der Blutspur der Vergangenheit. Dort begegnen wir in Rückblenden Nawal und Wahab, der orthodoxen Strenge von Nawals Familie, der Unterstützung Sawdas, der Freundschaft der beiden jungen Frauen; in Telefongesprächen aus Israel hält Johanna ihren Bruder in Kanada, wo Nawal ihre letzten Jahre als Sekretärin des Notars gearbeitet hat, auf dem Laufenden. Manche Szenen bis zur Pause ziehen sich in die Länge, doch im zweiten Teil inszeniert Kosminski ins Herz der Finsternis. Die Berichte von Nawal und Sawda aus dem Bürgerkrieg, aus dem Foltergefängnis von Kfar Rayat durch die von Johanna ausfindig gemachte Hausmeisterin (Christiane Roßbach), sind erschütternd: im Live-Video in Sepiabraun auf die riesigen Lenwände projiziert, wirken die Gesichter von Dodina und Nakkara, noch verstärkt durch ihren fremdsprachig archaischen Redestrom, ungeheuer authentisch. Als die Zwillinge schließlich zum tiefsten Punkt der Erkenntnis vordringen, dass ihr Bruder Nahib, den Nawal als Säugling weggeben musste, später als Folterer und Vergewaltiger von Nawal ihr Vater wird, bricht eine Welt zusammen. Martin Bruchmann spielt diesen Milizionär Nihad als surreale Karikatur eines Sniper-Sängers mit Kalaschnikow-Gitarre: der höllische Gegenentwurf zu Nawal als Gefängnisopfer und „Frau, die singt“. Die Rezitation ihrer Briefe an Johanna und Simon, nachdem sie die Wahrheit über ihren Bruder und Vater entdeckt haben, ohne ihn zur Rechenschaft ziehen zu können, zielt auf Erkenntnis, nicht auf Rache. Doch ein Satz bleibt in Erinnerung: „Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle, man zieht es nicht so leicht heraus.“


 9. Februar 2022

Lady Bug lästert Georg Kreisler

„Alles nicht wahr“ mit Franui und Nikolaus Habjan als Sternstunde im Forum

 

Während der Festspieljahre Thomas Wördehoffs in Ludwigsburg war die Osttiroler Musicbanda Franui eine seiner großen Entdeckungen. Die Lieder von Schubert, Mahler, Brahms wurden unter den Händen und in den Kehlen der Innervillgratener Volkskunstmusiker zu unerhörten Preziosen, über die man nur staunen konnte. Nun ist Franui zurückgekehrt, diesmal ins Forum, mit einer Hommage an Georg Kreisler, und auch jetzt waren die Zuhörer vollauf begeistert. Zumal das zehnköpfige Ensemble mit dem Sänger und Puppenspieler Nikolaus Habjan und seiner lebensgroßen Diva Lady Bug eine weitere Attraktion auf die Bühne brachte, die den Geist des vor einem Jahrzehnt verstorbenen Kreisler wunderbar zum Leben erweckte.

 

Lady Bug – also „Marienkäfer“ auf Deutsch – ist schon seit 17 Jahren mit Franui auf Abschiedstournee, erzählt Andreas Schett, der mit seinen knurrigen Moderationen ein Markenzeichen der Band ist, zur Begrüßung des Publikums. Doch aus der Kulisse wird er sofort korrigiert: erst 15 Jahre sei sie mit dabei, und schon kommt Habjan plaudernd mit seiner Puppenlady auf die Bühne, setzt sich mit ihr, die unwirsch den Kopf hin und her wirft und das Maul aufreißt, auf den Barhocker vor die Banda. In den kommenden achtzig Minuten werden die Beiden – der Puppenspieler mit Mikroport an der Wange und die Lady sprachmächtig singend und plappernd – die Szene so darstellerisch grandios beherrschen wie die Musiker die fein ausgehörten Stimmungswechsel der Kreislerschen Songs. Vom berühmten Taubenvergiften im Park bis zum Tod, der muss ein Wiener sein - und jedes Stück hat sein ganz besonderes Flair.

 

Beim schaurigtraurigen „Lied für Kärntner Männerchor“ singen die Trompeter Andreas Schett und Markus Rainer und der Posaunist Martin Senftner im Trio mit, schon die Intro mit Harfe und Waschbrett der beiden Musikerinnen Angelika und Bettina Rainer im Ensemble lenkt exquisit hinauf zum armen Elsilein „hoch oben auf den schneebedeckten Almen“. Und für den „Staatsbeamten“ packt Habjan eine weitere Handpuppe - lustigerweise mit dem Georg Kreisler nicht unähnlichen runzeligen Konterfei - aus seinem Koffer und besingt damit all jene, die „auf jeden Fall die größten Arschlöcher sind“. Mit Fiedelbegleitung und Gezupfe vom Kontrabass wird das melancholische Lied vom Fritz und seinem nie zu Ende erzählten Witz umrahmt, und dann ist wieder Kreislers Hassliebe an der Reihe: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener…“. 

 

Genau in die Mitte des abwechslungsreichen Programms platzieren Schett und der Kontrabassist Markus Kraler, die beide die pfundigen Arrangements von Franui produzieren, ein instrumentales Potpourri mit Mahlerschen Anklängen aus seinem „Lied von der Erde.  Und auch danach, als sich Lady Bug wieder kapriziös umständlich auf Nikolaus Habjans Schoß arrangiert hat, ist Gustav Mahler mit im Spiel. Aus den „zwei blauen Augen von meinem Schatz“ aus den Liedern eines fahrenden Gesellen taucht Kreislers „Mädchen mit den drei blauen Augen“, der Abschiedsschmerz des Einen vermischt sich mit den Küssen des Anderen. „Alles nicht wahr“ feiert die wohlige Freiheit der Illusion („Wenn der Schnee über Nacht plötzlich blau oder grün wird…“), die dann bald darauf durch einen fanatischen Monolog der Puppe konterkariert wird, dessen Egomanie brandaktuell dem Kopf von Querdenkern entsprungen sein könnte: „Ich wär ja dumm, wenn ich auf meine Freiheit dir zulieb verzicht / Darum behalt ich meine Freiheit, du kriegst deine Freiheit nicht!“ Zynisch, böse, aber auch schrullig und charmant präsentiert Lady Bug ihren Kreisler, doch am Schluss wird sie, zum Trauermarsch von Franui, in den Koffer gepackt. Als Zugabe offenbart Nikolaus Habjan ein weiteres seiner Talente: „Du bist die Ruh“ von Schubert wird von ihm nicht gesungen, sondern wundersam leise gepfiffen, über Hackbrett und Harfe entfaltet sich der Klang mit Geige und Akkordeon und volkstümlichen Blasinstrumenten. Standing Ovations im Saal.

 

29. November 2021

 

Faszinierendes Machtpsychogramm

Lina Beckmann als „Richard the Kid & the King” bei den Salzburger Festspielen

 

Shakespeare hat Tradition auf der Pernerinsel in Hallein, wo seit einigen Jahrzehnten in der alten Saline die experimentellen Schauspielproduktionen der Salzburger Festspiele aufgeführt werden. Man sitzt hart auf den kaum gepolsterten Bänken der steil aufsteigenden Tribüne, doch trotz wieder eingeführter Maskenpflicht und 3G-Nachweis ist die Halle gerammelt voll und das Publikum euphorisch. Vor 22 Jahren waren Luk Percevals und Tom Lanoyes „Schlachten!“ nach Shakespeares Königsdramen hier Kult, zwölf Stunden dauerte damals das Mord(s)-Spektakel. Nun sind es nur vier Stunden zwischen dem ersten Auftritt von „Richard the Kid“ und dem Ende von „Richard the King“ mit dem berühmten Satz von „Ein Königreich für ein Pferd!“, aber dieser Abend geht ähnlich unter die Haut. Auf einem Schaukelpferd sitzt, wie am Anfang, Lina Beckmann in der Rolle des von seiner Blutspur verfolgten Tyrannen. Beckmann als Shakespeares Richard III. ist ein Naturereignis, ein Vulkan an Machtgier und Mordlust, Täuschung und Betrug, Theaterkunst und schauspielerischer Virtuosität. Sie und ihre drei in Mehrfach-Rollen auftretenden Mitspieler werden am Schluss enthusiastisch gefeiert.

 

„Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen“, wendet sich Lina Beckmann am Ende an die Zuschauer, die so oft während des faszinierenden Abends der Adressat ihrer Kurzmonologe waren. Mit einer Kalaschnikow hat ihr Richard zuvor den Rest seines hörigen Hofstaats umgenietet, es ist der Nachklatsch seines Mörderspiels, in dem er Brüder, Neffen, Herzoginnen und Thronfolger umbringt, um selbst König zu werden. „Gewissen ist nur ein Wort, das Feiglinge erfunden haben“, erklärt er dem Publikum, und wie Lina Beckmann diese macchiavellische Moral im ständigen Wechsel von Schein und Wirklichkeit in die Tat umsetzt, ist lustvoll und atemberaubend. Wortmächtiges Vehikel dafür ist die Sprache: die Textfassung der Regisseurin Karin Henkel und von Tom Lanoye „nach Shakespeare“ mischt Deutsch, Englisch und Flämisch zu einem Kunstidiom zwischen Gosse und gewähltem Ausdruck. 

 

„Fuck!“ ist ein Lieblingswort in den wildgewordenen Pitbull-Dialogen zwischen Richard und seinen Brüdern Edward (Kate Strong) und George (Bettina Stucky), während sich Kristof Van Boven in seinen Rollen als Heinrich VI., Prinz Edward und Lady Ann näher am Shakespeareschen Orginal bewegt. Nicht so als König Heinrichs neapolitanische Gemahlin Margaretha: die großartige Virtuosität im blitzartigen Rollenwechsel ist bei allen Spielern auch sprachlich konnotiert, am vielfältigsten jedoch in der Figur Richards III.. Lina Beckmann ist ja nicht nur realer Lügner, Monster, Despot, Betrüger, blutgeiler Schlächter, der seinem Vertrauten Hastings die Gedärme aus dem Leib reißt; ihr Richard täuscht auch als Menschenfreund, intrigiert mit treuherziger Unschuldsmiene. Dass viel von Richards Verstellungskunst in seiner Kindheit als Krüppel und Mobbingopfer angelegt ist, zeigt seine Vorgeschichte aus Shakespeares „Henry VI.“ Doch seine Selbstcharakteristik – „Ich, der weder Mitleid, Angst, noch Liebe kennt“ – deutet auf eine komplexere Psychologie. Inszeniert ist diese Macht-und-Mördergeschichte auf einer schrägen schwarzen Scheibe (Bühne: Katrin Brack), über der sich die Lampionkugeln wie unzählige Gestirne im finsteren Weltall bewegen.

 

31. Juli 2021